Konfabulation und Archiv

Als ich das Wort Konfabulation hörte, hatte ich das Gefühl, es ist mir sehr vertraut.
In der Neuropsychologie bezeichnet Konfabulation das unbewusste Ergänzen von Erinnerungslücken. Das Gehirn erzeugt Zusammenhänge, damit etwas stimmig wird – nicht als bewusste Lüge, sondern als Versuch, Kohärenz herzustellen.
Ich arbeite zurzeit intensiv an meinem fotografischen Archiv. Negative, Kontaktbögen, Abzüge, digitale Daten – ein Leben in Fotografien. Alles ist chronologisch geordnet. Faktisch. Nach Jahr, Monat, Serie. 
Und doch geschieht beim Ordnen etwas, das über das Faktische hinausgeht. 
Ich erkenne Linien. Ich sehe, dass ich über Jahrzehnte hinweg immer wieder Frauen fotografiert habe – nicht das Spektakel, sondern den Moment, in dem ihre Würde sichtbar wird. Da ist mein Interesse an Räumen, an Schwellen, an Übergängen, an Körpern im Kontext von Macht. Ich entdecke Nebenlinien, die ich nie bewusst geplant habe. 
Erfinde ich hier etwas? Oder benenne ich nur, was immer schon da war? 
Die Fotografien selbst sind unverändert. Sie tragen Datum, Ort, Kontext. Sie sind real. Und ihre heutige Zusammenstellung erzeugt Bedeutung. 
Vielleicht ist das die poetische Form der Konfabulation: nicht das Ersetzen von Wirklichkeit, sondern das Sichtbarmachen einer inneren Logik, die sich erst im Rückblick als durch Jahrzehnte hindurch wiederkehrend erkennen lässt.

Mein Blick wusste es längst.
Mein Kopf holt nur nach.

Als ich fotografierte, dachte ich nicht in Hauptachsen oder Werkgruppen. Ich war in einer Beziehung. Ich war im Moment. Ich war im Raum – und immer darum bemüht, niemandem seine Würde zu nehmen. Erst heute erkenne ich die stille Linie, die sich durch alles zieht. 
Das Archiv ist kein Beweisraum.
Es ist ein Gedächtnisraum. 
Und wie jedes Gedächtnis ist es mehr als eine Ansammlung von Fakten. Es ist eine Struktur, in der Sinn entsteht – nicht durch Erfindung, sondern durch Benennung. 
Als ich die Hauptachse „Sichtbarkeit und Würde“ formulierte, hatte ich nicht das Gefühl, etwas zu erfinden. Es war ein Wiedererkennen – ein Wort für etwas, das mein Blick über Jahrzehnte hinweg selbstverständlich getan hatte. 
Von außen könnte man sagen, ich ordne mein Werk rückblickend unter einen schönen Begriff. Vielleicht ist das unvermeidlich.

Ich lese  nichts in die Fotografien hinein, was sie nicht selbst enthalten.

Vielleicht konfabulieren wir immer, wenn wir ordnen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Sinn konstruiert wird, sondern ob er dem Material standhält. Vielleicht ist Konfabulation nicht das Erfinden von Wahrheit, sondern der Versuch, sie im Rückblick zu verstehen.